Die integrative Arbeit

In unserer seit 1998 bestehenden integrativen Gruppe betreuen wir bis zu vier Kinder mit einem heilpädagogischen Förderbedarf und vierzehn „Regelkinder“. Die Kinder unserer Gruppe lernen enorm schnell und viel voneinander. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass man Kindern wichtige Erfahrungsmöglichkeiten nimmt, wenn sie nicht die Gelegenheit bekommen, die Vielfalt der menschlichen Lebenserscheinungen kennen zu lernen. Wir Erwachsene können nur immer wieder staunen, mit welch echtem, vorbehaltlosem Interesse sich Kinder begegnen. Die relativ kleine Gruppe mit zwei Waldorferzieherinnen und einer Heilpädagogin bietet für alle Kinder umfassende Möglichkeiten der Aufmerksamkeit und individuellen Zuwendung. Einzeltherapien in denen gerade die Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf wieder in eine „Sonderrolle“ geraten, lehnen wir für unsere Arbeit ab.

Individuelle Förderung geschieht aus dem Gesamtgeschehen der Gruppe heraus. Für alle Kinder besteht die Möglichkeit, daran teilzunehmen. Während Erwachsene immer ein „Ziel“ vor Augen haben, so ist das zweckungebundene, ganz an die Gegenwart hingegebene Tun des kleinen Kin-des ein im weitesten Sinne „therapeutisches“ Mittel. Dieses wird uns in der täglichen Praxis deutlich bewusst. Hier können Erwachsene viel von Kindern lernen. Umfassender als Kinder sich gegenseitig mit ihrer fast noch unerschöpflichen Phantasie- und Lebenskräften anregen und „therapieren“ vermögen wir es als Erwachsene nicht. Wir orientieren uns nicht an „Defiziten“ sondern versuchen, vorhandene Fähigkeiten und Interessen der Kinder aufzuspüren und zu unterstützen, indem wir liebevoll wertschätzend darauf eingehen. Natürlich gilt es dabei, die individuellen Befindlichkeiten und Bedürfnisse aller Kinder zu berücksichtigen, denn wir verstehen Behinderung als individuelle Variation des Menschseins. „Integration“ darf daher nicht als einseitiger Anpassungsvorgang verstanden werden, sondern als Prozess wechselseitiger Akzeptanz und den sich daraus ergebenden Beziehungen untereinander.

Kinder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand – und zwar unabhängig vom Alter – finden in einer Gruppe mit Kindern vielfältiger Interessen, Begabungen, Verhinderungen, Fähigkeiten und Problemen leichter einen Spielpartner, der ihrer augenblicklichen Befindlichkeit entspricht, als in Gruppen mit größerer Entwicklungshomogenität. Eine frühzeitige und wertfreie Auseinandersetzung mit dem „Anderssein“ kann die Identitätsfindung von Kindern wesentlich begünstigen. Lernen wir in der Begegnung mit unseren Mitmenschen doch auch die eigenen Beschädigungen, Schwächen und Verhinderungen genau erkennen.

Das gibt uns dann vielleicht auch den Mut, mit unseren Unzulänglichkeiten konstruktiv umzugehen anstatt zu versuchen, sie so gut wie möglich zu verstecken. Ein wesentlicher Bestandteil einer harmonischen Gruppe sind die Eltern. Gemeinsam sind wir darauf angewiesen, uns unseren Kindern zuliebe in gegenseitiger Akzeptanz und Wertschätzung zu üben. Hätten einzelne Eltern diese Möglichkeit nicht, würde sich dieses sofort auf die Kinder übertragen und sie könnten sich nicht mehr vorbehaltlos begegnen. Wie viele Entwicklungschancen würden ihnen damit genommen!

Gemeinsam müssen wir uns der Verantwortung und Notwendigkeit bewusst werden, wie wichtig ein gutes Vorbild und ein besonderer „Schutzraum“ für unsere kleinen Kinder ist, damit sie sich „kindgerecht“ entwickeln können, und zwar unabhängig von jeglichem „Anderssein“ und davon, ob ein Kind in der integrativen Gruppe betreut wird oder nicht. An diesem Bewusstsein zu arbeiten macht Freude, schafft Begegnung und gibt Kraft für die tägliche Arbeit.